Mittelalterstoff Wollbrokat MA0600 „Drachen“ als Höllenfensterkleid

Mittelalterliches Gewand, Kleid: Höllenfensterkleid oder Teufelsfensterkleid aus Mittelalterstoff Wollbrokat MA0600 „Drachen“

Das Höllenfensterkleid oder Teufelsfenster Kleid ist die Bezeichnung für eine ganz bestimmte Form eines mittelalterlichen Kleides. Es entstand wohl ungefähr 1320 und wurde bis Anfang des 16. Jahrhunderts getragen, was sehr für seine Beliebtheit spricht. 😉
Was Wunder, dass auch ich bei meinen Recherchen über spätmittelalterliche Gewandung nicht daran vorbeigekommen bin. Mein zweites und mein viertes Prunkgewand, die ich für mein Hobby anfertigte, sind Teufelsfenster Kleider.
Bis zum 14. Jahrhundert war die Kleidung in Europa lang, weit und figurumspielend und Männer- und Frauenkleidung ähnelten sich sehr. Bodenlange, faltenreiche Gewänder aus prachtvollen Stoffen und je nach Geldbeutel mit kostbaren Borten verziert, verhüllten den Träger ebenso wie die weiten, darüber getragenen Mäntel (ich spreche hier nicht vom „einfachen“ Volk).
Höllenfensterkleid Teufelsfensterkleid Brokat AlmerlinDas änderte sich im 14. Jahrhundert. Die Kleidung begann, die Figur nachzuzeichnen und damit sichtbar zu machen. Das Teufelsfenstergewand war ein ärmelloser Surkot oder Oberkleid, das über einem Unterkleid getragen wurde. Durch seine bis zu den Hüften reichenden Armlöcher konnte man sehr gut das figurbetonende und durch Schnürungen wirklich enganliegende Untergewand und damit die Figur der Trägerin sehen, was ihm letztlich von kirchlichen Predigern und Zeterern den Namen Teufelsfenster- oder Höllenfensterkleid einbrachte. Den Männern hat es mit Sicherheit sehr gefallen 😉
Ein exakter Sitz war natürlich das A und O – das konnte nicht mehr jede Frau – und der Beruf des Schneiders war geboren. „Schneider“ von Zu-schnitt, denn nicht das Nähen war das Entscheidende.

Historische Abbildungen:
Die früheste Darstellung eines Höllenfensterkleides habe ich in einer Miniatur aus dm 14. Jahrhundert gefunden (ein genauerer Zeitpunkt ist nicht eingegrenzt), die Charles V. König von Frankreich und Jeanne de Bourbon zeigt, die er 1350 heiratete.
Eine weitere Darstellung findet sich in der Illustration auf Fol.12a in der zwischen 1341 und 1354 entstandenen Velislav Bibel (Abb. S.40 „Die Mode der gotischen Frau“ von O. Šroňková).
In der Wenzelsbibel, einer zwischen 1390 und 1400 entstandenen Prachthandschrift, finden sich ebenfalls Darstellungen.
Die Schönsten habe ich auf Gemälden und in Handschriften des 15. Jahrhunderts gefunden – sie haben mich auch am meisten inspiriert:

Marguerite d`Orleans Stundenbuch 1430
Memling_die mystische Vermählung der Heiligen Katharina
GrandesChroniquesdeFranceMariaofBrabant
Augustus und die tiburtinische Sybille Ausschnitt um 1500 Bamberg

Stundenbuch der Marguerite d’Orleans 1430
Hans Memling „Die mystische Vermählung der Heiligen Katharina“, entstanden ca. 1480,
befindet sich heute im Metropolitan Museum of Art
Abbildung in der Chronik Froissarts über Philippa von Hennegau (Philippa of Hainault) 1311-1369, Gemahlin Edwards III. König von England, den sie 1328 heiratete. Froissart stellte sie bei der Krönung mit einem Teufelsfenster Surkot dar. Er begann die Chroniken 1370 und beendete die erste 1398, genauer kann ich es nicht eingrenzen.
Miniatur der Vermählung der Maria von Brabant (1226 – 1256) im Jahr 1254 mit Herzog Ludwig von Bayern in den Grandes Chroniques de France aus der Werkstatt von Jean Fouquet 1458
Die Weissagung der Tiburtinischen Sybille an Kaiser Augustus, Tafelbild eines unbekannten oberfränkischen Meisters von 1480 (ich kenne es aus „Alltag im Spätmittelalter“ von Konrad Kühnel) – diese Darstellung inspirierte mich zu Teufelsfensterkleid und der auffälligen dreieckigen Kopfbedeckung.

Tja, und die neue „freizügige“ Kleiung rief denn auch mancherorts die Herren Stadträte auf den Plan…und die Ära der Erlasse und Verordnungen zum Thema Kleidung begann. Ganz ehrlich, es ist unglaublich, womit die Herren Würdenträger des gesetzteren Alters sich in den Ratssitzungen so den Kopf zerbrachen 🙂 Mir hat es schon so manches Schmunzeln entlockt. Die Inhalte der Kleiderordnungen werden noch öfter Thema in meinem Blog sein, an dieser Stelle zunächst ein Statement aus der schönen Stadt Speier:
Anno 1356
„Es soll keine Frau Unter- oder Obergewand an den Seiten schnüren (und dadurch figurbetonend formen) oder durch Engnisse mit Schnüren einziehen oder ihren Leib oder ihre Brüste in Engnisse zwingen oder binden (mit festen Stoffbinden umwickeln, um eine schlanke Figur zu formen). Es soll keine Kleider tragen, die vorn herunter oder an der Seite geknöpft sind (so daß man sie sehr viel enger machen konnte, als wenn man sie geschlossen über den Kopf streifen mußte), und die Halsausschnitte, die so groß sind, daß sie die Schultern nicht mehr bedecken.“

In meinem vorherigen Artikel habe ich über meine erste mittelalterliche Wollbrokat Replik, die „Greifen im Medaillon“ (MA0700) geschrieben. Aus diesem herrlichen Stoff wollte ich unbedingt ein Gewand nähen. Da der Wollbrokat relativ steif und für ein an sommerlichen Wochenenden gelebtes Hobby recht warm ist, war das luftige Höllenfensterkleid die ideale Form dafür. Ich brauchte etwa drei Meter Stoff.

Mittelalterkleid Teufelsfenster aus MA0700-25 Wollbrokat Almerlin
Kopfbedeckung nach Maria von Burgund Grabplatte

Da die Wollfäden auf der Rückseite beim weben in großen Flottungen mitgeführt werden, habe ich ihn von innen komplett abgefüttert. Die großen Armlöcher habe ich mit Kaninchenpelz in vielen verschiedenen Farben verbrämt – 35 Stücke pro Seite. Für einen Nicht-Kürschner wie mich eine enorme (Fussel) Arbeit. Das Vorderteil habe ich reich mit Perlen und Schmucksteinen verziert. Das Untergewand nähte ich aus rot-schwarz changierender Dupionseide. Ellbogen und Armlöcher sind geschlitzt und mit andersfarbiger Seide unterlegt, um bei sehr engem Schnitt eine größtmögliche Bewegungsfreiheit zu erreichen. Die Schnürung befindet sich vorn. Seide trägt sich im Sommer wunderbar, sie klebt nicht, nimmt viel Feuchtigkeit auf und trocknet schnell. Abknöpfbare Prunkärmel, immer wieder erwähnt, beschrieben, abgebildet, vervollständigten das Gewand. Sie sind ebenfalls aus reiner Seide, die „Manschette“ ist aus dem Wollbrokat.
Grabplatte Maria von Burgund Onze-Lieve-Fruwekerk BrüggeAls Kopfbedeckung entschied ich mich für die Haube, die Maria von Burgund auf ihrer Grabplatte trägt (Brügge, Onze-Lieve-Vrouwekerk).
Tja, und da „nach dem Gewand vor dem Gewand“ ist, wollte ich unbedingt noch einmal ein Höllenfensterkleid aus zwei Stoffen (quasi Rock und Oberteil aus Brokat) fertigen. So entstand 2007 das zweite Gewand dieser Art. Oben verwendete ich einen weiteren Wollbrokat von Almerlin: MA0600 „Drachen“ in bronzefarbener Wolle (28) mit schwarzem Figurschuss, für den weiten Rock dunkelgrünen echten Seidensamt, die Schleppe mit Nerz verbrämt (eine antike Nerzstola umgearbeitet). Das Untergewand ist aus grün-schwarz changierender Dupionseide, die abknöpfbaren Prunkärmel sind aus dunkelgoldenem (selbstgefärbt!) Seidensamt. Die Kopfbedeckung habe ich nach dem Gemälde:… gefertigt, denn sie hatte mich sofort fasziniert! Natürlich aus dem Wollbrokat und dem Seidensamt, der Schleier aus dunkelgrünem Seidenchiffon. Damit würde man vermutlich auch in Ascot auffallen 😉
Oberteil, Kopfbedeckung und Ärmel sind aufwändig bestickt und verziert (eine typische Winterarbeit). Es trägt sich genauso bequem wie Nr.1, der Rock schwingt mehr. Die schwarzen Schnabelschuhe mit der Verzierung aus goldfarbenem Leder passen perfekt.
Warum trägt Frau eigentlich heute nicht mehr solch herrliche Kleidung?

Mittelalterkleid Teufelsfenster aus MA0600-28 Wollbrokat Almerlin
Mittelalterkleid MA0600-28 Wollbrokat Drachen Almerlin
Mittelalter Kopfbedeckung nach Gemälde